Es gibt mal wieder eine Sau, die gerade durch all die Zweinulligen Medien von Blogs über Twitter bis Facebook gejagt wird: Die Online-Petition gegen Zensur im Internet. Und, um es kurz zu machen: Ich unterzeichne diese Petition nicht, und ich glaube, ich habe auch gute Gründe dafür.
Damit meine ich nichtmal die Formulierung der Petition, die ich eher unglücklich finde, denn das BKA indiziert keine Websiten – das macht die BPjM. Es ist aus dem Kontext heraus ja durchaus klar, was gemeint ist, keine Frage, aber man muss ja nicht schon aufgrund der Wortwahl der Sache eine unnötige Angriffsfläche bieten.
Ich unterzeichne nicht, weil ich Online-Petitionen für völlig sinnfrei halte. Dafür gibt es zwei Gründe: Es wird nichts weiter passieren, als das bei einer erfolgreichen Unterzeichnung der “Petent”, also der Einreicher, oder in dem aktuellen Fall die Einreicherin, in den Bundestag eingeladen wird. Dort darf die Petentin dann die üblichen Kritikpunkte zur Netzzensur kurz erklären, es gibt ein paar andere Statements und kurze eher kenntnisfreie Diskussionen, und nach rund fünfzehn Minuten wars das dann. Die ganzen Ausführungen werden dann vom Stenografischen Dienst des Deutschen Bundestags in gewohnt guter Qualität mitgeschrieben, und dieses Material wird dann an verschiedene Stellen, Ämter und Fraktionen des Bundestags “zur Kenntnis gegeben”.
Das ist keine Rummeckerei, sondern der Erfahrungswert der bislang erfolgreichsten “Nerd-Petition”, die gegen Wahlcomputer im Jahr 2006. Die war relativ erfolgreich, wurde ‘kaum mehr als eine Viertelstunde’ im Bundestag vorgetragen und besprochen, und dann abschliessend beraten und dann ‘zur Kenntnis gegeben’ sowie ‘als Material überwiesen’. Ziemlich genau ein Jahr nach Start der Petition.
Kurz und gut: Das hat soviel Sinn wie eine Mail an Frau von der Leyen, und die dann mit “fyi” im Subject noch an andere Bundestagsmitglieder zu forwarden. Nämlich keinen. Es könnte rein theoretisch einen Sinn haben, wenn man mit der Petition den Damen und Herren im Bundestag überraschend klarmachen könnte, dass das alles Blödsinn ist, was sie vorhaben. Nur hat das einen Schönheitsfehler: Das wissen die schon. Übrigens: Da werden auch schon wirksamere Methoden als reines DNS-Blocking diskutiert. Diese seltsame Diskussion darum, ob man sich nicht selbst ins Knie schiesst, wenn man die Wirkungslosigkeit von DNS-Manipulationen zeigt, ist also ebenso eher unnütz.
Das Kernproblem ist doch ein ganz anderes, tieferes, das sich wie ein roter Faden durch alle politischen Entscheidungen der letzten Jahre zeigt: Es ist, überspitzt gesagt, ein Generationenproblem. Für die Entscheidungsträger ist ‘das Internet’ doch eher sowas komisch obskures, mit dem man selbst sehr wenig bis gar nichts zu tun hat, wo aber anscheinend verdammt viel sehr obskures bis unerwünschtes unterwegs ist.
Das Knuddels-Problem:
Einfach mal ein kurzer Netzausflug, um das Problem dahinter zu verdeutlichen: Das Internet ist also in etwa für Politiker wie für mich zum Beispiel knuddels.de oder jappy.de. Zur Einstimmung auf die nächsten Sätze empfehle ich, mehrmals diesen Link zu besuchen, der spuckt jedes Mal eine zufällig gewählte Homepage bei knuddels.de aus. Und nun Folgendes: Das sind seltsame Netze, mit denen ich beruflich ein paar Mal in Kontakt gekommen bin, meistens wegen eher nervigen Dingen wie Bild-Hotlinking oder einem plötzlichen Schwall Kommentartrolle zu ‘Tokio Hotel’. Wenn ich mir die Produkte anschaue löst das nur “What the fuck?” und “Geht weg. Schnell.” aus. Dazu ein völliges Unverständnis des Sinns dahinter, und ein latentes Glücksgefühl, damit nichts zu tun zu haben. Ehrlichgesagt würde mich interessieren, ob die Admins und Coder da es ohne Wodka am Schreibtisch aushalten. Abstrakt kann ich nachvollziehen, dass diese Netze für die Nutzer wohl echt wichtig sind, dass dort Freundschaften entstehen und Feindschaften, dass das wohl eine relativ aktive Community ist. Aber ich bin verdammt froh dass es nicht meine Freundschaften sind – und Comic Sans mit Glitzerbildchen löst unterschwellig erstmal bei mir einen Fluchtreflex aus. Und eben: Jedes Mal wenn ich aktiv mit diesen Communities zu tun habe, ist es wegen echt nervigem Blödsinn, der mir nur Arbeit und Ärger bereitet, weil irgendein Webserver in die Knie geht, oder eine Datenbank zur Trollgrube mutiert.
Und exakt so stellt sich für Menschen wie Frau von der Leyen oder Herrn Schäuble “das Internet” dar. Privat haben sie wenig bis nichts mit dem Netz zu tun, die soziale Community der Wahl ist da eher der lokale Golfclub oder Rotary-Club, die Job-Mailingliste heisst “Post-Verteiler”. Wenn auf den Schreibtischen dort eine Website aufschlägt, dürfte das relativ wahrscheinlich irgendein Abschaum des www sein, vermutlich ausgedruckt und mit Posteingangsstempel und Bearbeitungsvermerk, oder eine ekelhafte Präsentation ausgesprochen widerlicher Bilder auf einer Pressekonferenz. Sozusagen “worst of /b/” und noch tiefer.
Ganz ehrlich: Da kann ich verstehen, warum man das einsperren, verbieten und wegsperren will. Und auch, warum man da sehr naive Ideen und Ansätze dafür wählt.
Und nu?
Daher gibt es für mich genau drei Ansätze, wie man ernsthaft mit “dem Politikproblem” umgehen kann:
- Massive Aufklärungsarbeit. Aber “da draussen”, nicht im Internet. Geht zu den Politikern, sprecht mit ihnen, telefoniert, macht Informationsveranstaltungen. In dem Moment, in dem ihr über eine Website kommuniziert, egal ob Unterschriftenliste oder Wiki: You’re doing it wrong. Bleibt einfach mal bei dem Jappy-Beispiel: Wenn innerhalb von Jappy darüber diskutiert wird, dass ich zu dumm bin, Jappy zu verstehen, dann kratzt mich das nicht weiter – wenn nun aber ein Jappy-Mitglied mich zum Kaffee einlädt, und mir den Kram mal erklärt, könnte es durchaus sein, dass ich es zumindest verstehe. Nutzen werde ich es danach sicher immer noch nicht, aber eher akzeptieren als ich das jetzt tue.
- Selbst aktiv werden. Ab in die Politik, in die Parteien, und einfach zusehen, dass man irgendwann selbst entscheiden darf. Kann ich nicht weiter was dazu wertend sagen, ich könnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, in egal welcher Partei aktiv zu werden, da würde ich vermutlich noch schneller Amok laufen als ich das beim CCC getan habe :) Aber rein hypothetisch dürfte das sicher zielführend sein.
- “Dear World, fuck you”. Mein Ansatz. Absolut feige, aber ganz egoistisch betrachtet zielführend. Ich nutze Swissvpn, ich hab ne Maschine bei shinjiru, und nutze meine Kenntnisse um dem Schwachsinn aus dem Weg zu gehen. Ich hab eigene Nameserver, und mach ansonsten den Pipi-Langstrumpf-Approach: “Ich mach mir das Internet wie es mir gefällt”. Ich bin und bleibe Single, bin in den nächsten Monaten mit meinem Informatik-Diplom fertig, ich habe keine Riesterrente und keine Verpflichtungen in Deutschland. Wenns mich also irgendwann zu sehr annervt, geh ich halt woanders hin. Und irgendwann wird schon aus rein biologischen Gründen dann eine vernünftigere Generation nachkommen, in der Politik.
Das ist sehr egoistisch, sicher nicht “für die Allgemeinheit” hilfreich, und verschiedene Nazi-damals-hätte-man-was-tun-müssen-Vergleiche bieten sich garantiert auch an. Aber ich habe schlichtweg keinen Bock, Nachhilfelehrer für die Allgemeinheit zu machen. YDI.
Aber ausser diesen drei Wegen sehe ich ehrlichgesagt nicht viel Alternativen. Man kann natürlich andere Dinge, gerade im Netz tun. Klar. Politiker wahlweise Nazis, Urwaldjuntas oder einfach decerebriert zu nennen, bringt einem Fanboys, sieht man sehr gut an Fefe. Nur bringt das eben soviel wie wenn ich von Jappy-Usern als Arsch beschimpft werde: Ich fühle mich bestenfalls in meiner Meinung bestätigt und nehme die Jappyuser halt nicht ernst, schlimmstenfalls werde ich wütend und fahre den “jetzt erst Recht auf die Fresse” Approach.
Man kann auch im Netz den eigenen Massen predigen, siehe Netzpolitik oder CCC. Ist ein sehr hehrer Ansatz, und einige Leute machen da unglaublich engagierte Arbeit, aber erreicht halt einfach die, die man eigentlich nicht mehr erreichen muss. Ziel des Spiels ist Rotary oder die Bild, nicht die Taz.
Insofern: Immer an Knuddels denken, und viel Glück. Ich bin raus aus dem Spiel, wir sehn uns dann in Zehn Jahren. Und ich schulde Dir ein Bier, wenn du mehr getan hast, sehr gern sogar.
Update: Danke für die vielen Kommentare, ich bin wirklich beeindruckt, dass dieses Blog überhaupt noch gelesen wird, und dass hier ziemlich gute und sachliche Kommentare liegen bleiben. Ein paar Dinge vielleicht noch zur Klarstellung: Wer mich näher kennt, weiss, dass ich sehr gerne rante und Dinge überspitzt formuliere. Das ist auch bei diesem Blogposting der Fall – wenn man die Diskussion so ausgewogen wie ein Paper formuliert, mag das sicher integrer sein, der Punkt geht dabei aber ganz gern unter. Und der ist, anders als verschiedene Leute vermuten, nicht der, dass ich diese Petition total Scheisse und überhaupt finde. Sondern eben eher der, dass ich glaube, dass andere Mittel sinnvoller sind. Und eben, wie bereits geschrieben: Überhaupt was tun ist auf jeden Fall besser als meine aktuelle “mir doch wurscht” Aktion, die in erster Linie aus Frust über meine vergangenen Jahre beim CCC resultiert.
Interessant für die Diskussion hier sind vielleicht auch die Postings bei Jens Ferner und Thomas Knüwer.
Last but not least: Parteienwerbung, egal welcher Prägung, kann ich nicht leiden. Daher hab ich aus aktuellem Anlass das Wort “Piraten” in die Blacklist hier aufgenommen. Mich interessiert hier Eure Meinung, nicht Parteipropaganda mit Wahlzulassungsaktionen. Danke.